Referat von Philipp Schlautmann, gehalten am 4.12.00
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Entgegen der vielleicht
allgemein herrschenden Meinung braucht man den Sinn fürs
Gleichgewicht nicht nur zum Halten desselben, sondern
auch zur Orientierung im Raum. Um dieser Aufgabe zu
genügen werden neuronal mehrere Informationen
miteinander verrechnet, die alle zum Gleichgewicht
beitragen. Dies unterscheidet ihn von anderen Sinnen wie
z.B. dem Sehsinn, dessen Wahrnehmung nur aus dem von
Photorezeptoren gemessenen Licht resultiert.
Welche Wahrnehmungen bzw.
Informationen führen also nun zum Sinn für das
Gleichgewicht bzw. zur Orientierung im Raum?
1) die Drehbeschleunigung:
wird in den Bogengängen des Labyrinths gemessen
2) die Linearbeschleunigung:
wird in der Macula (Utriculi, Sacculi ) des Labyrinths
gemessen.
3) die Körperhaltung:
wird mit sog. somatischen Rezeptoren in Gelenken, Sehnen,
Muskeln gemessen
(4) die visuelle
Information:
des Auges
Ein
weiterer Unterschied zu anderen Sinnen ist, dass wir die
meisten Wahrnehmungen nicht bewusst erfahren. Beispiel:
1)
laufen, stolpern:
Beim Laufen
oder stehen halten wir nicht bewusst das Gleichgewicht,
vielmehr tun wir dies unbewusst. Wenn wir dann einmal
wegen Unachtsamkeit stolpern so registriert unser
Gleichgewichtsapparat eine unerwartete Beschleunigung in
eine falsche Richtung. Diese Information
zusammen mit Informationen über unsere aktuelle
Körperhaltung von den somatischen Rezeptoren führen zu
einer Gegenreaktion, die das stolpern abfangen soll, noch
bevor uns bewusst wird, dass wir stolpern.
2)
Kompensationsbewegungen:
Bei
Bewegungen jeglicher Art verändern wir unsere relative
Stellung des Kopfes zum Raum.
Damit unser
Blickfeld dann aber dasselbe bleibt, müssen wir mit den
Augen korrigierende Bewegungen durchführen. Dies
geschieht unbewusst, auf Grund von Informationen aus den
Bogengängen über die Drehbeschleunigung.
Bei der
heutigen Forschung beschäftigt man sich nun stark damit,
in welchem Verhältnis die einzeln Wahrnehmungen unser
Gleichgewicht prägen. So hat man beim Fisch
herausgefunden, dass der Sinn für die Lage im Raum zum
einen durch die Wahrnehmung der Gravitation und zum
anderen aus der Wahrnehmung der Lichteinstrahlrichtung
resultiert. Durch Verändern dieser Parameter
(Lichteinfall von hinten) konnte man den Fisch dazu
veranlassen eine Kompromisslage einzugehen, die dem
Verhältnis der Gewichtung der Informationen entsprach.
Im Allgemeinen ist dies aber nicht so leicht zu
bestimmen, da durch die Vielfalt der Informationen, die
zu diesem Sinn beitragen eine große Anzahl von
Kompensationsmöglichkeiten in der Gewichtung bestehen.
So kann man trotz eingeschränkter Funktion des
Gleichgewichtsapparates noch gehen, da die fehlenden
Informationen durch visuelle Informationen kompensiert
werden. Ein Fehlen einer Information führt zu einer
schlechteren Wahrnehmung, das Widersprechen von einzelnen
Informationen zum Schwindel bzw. Unwohlsein.
Beispiel:
Seekrankheit: Widerspruch von Visuellen- und
Beschleunigungsrezeptoren.
Beim
Menschen und den meisten anderen Säugern ist der
Gleichgewichtsapparat im Innenohr lokalisiert. Hinter dem
ovalen Fenster liegt der Vestibularapparat mit zwei
Kammern, dem Utriculus und Sacculus, sowie den drei
Bogengängen.
Die drei
Bogengänge sind in den drei Ebenen des Raumes
ausgerichtet und haben an ihrer Basis eine Verdickung,
die als Ampulle bezeichnet wird.


Sie
drückt damit auf die Cupula, die sich ausbeult und die
Haarbündel abbiegt.


Die
einzelnen Elemente des Gleichgewichts- und des
Orientierungssystems sind auf vielfältige Weise
verschaltet. Die vestibulären-, visuellen- und
somatischen Rezeptoren schicken ihre elektrischen Impulse
in drei Untereinheiten des Zentralnervensystems:
das
Vestibulo-Cerebellum, die vestibulären Kerne und die
Retikularisformation. Nach dem die eingegangenen Signale
verarbeitet wurden, geben die vestibulären Kerne die
Information an eines der beiden Ausführenden Zentren und
an den Thalamus weiter.
Nur die
vom Thalamus registrierten Informationen werden bewusst
wahrgenommen.

Abb. 5
Donald E. Parker: Gleichgewichts- und Orientierungssinn
A.J. Hudspeth: Die Haarzellen des Innenohrs (Spektrum der Wissenschaft, März 1983). In: Verständliche Forschung. Physiologie der Sinne. Spektrum Akademischer Verlag
Schmidt, Thews: Physiologie des Menschen, Springer-Verlag (1997)